Der Blick über den Tellerrand

Ein vor Kurzem erschienener Artikel ( August 2017 ) im Aiki-Journal von Pat Hendricks Sensei ( 7 Dan / Aikikai ) hat mich dazu bewegt, diesen Text für unsere Dojo – Homepage zu verfassen. Pat Hendricks Sensei empfahl einen Blick über den Tellerrand zu werfen, der Titel des Artikel´s lautete:

Have the ability to look outside your style and appreciate another path.

Nun, ich wagte diesen einschneidenden Blick vor 21 Jahren.

Als ich 1996 in die Regensburger WingTsun Schule zu einem prägenden Einführungsunterricht kam, war mir damals definitiv noch nicht klar, dass ich und WingTsun einmal so intensiv zusammenkommen würden.

Ich muss dazu betonen, als ich 1978 mit Kampfkunst / Sport begann, es in meiner Gegend keine anderen Künste als Karate, Judo und JuJutsu gab, Aikido war damals schon wirklich exotisch. Und mein Gott, wie liebte und liebe ich mein AIKI… .

WingTsun und ich, auch wir liebten uns von Anfang an, wir konnten beide nicht mehr voneinander lassen, es war eine intensive Liebe auf den ersten Blick. Ich startete also 1997 voll durch und kann nun auf über 21 Jahre in dieser wundervollen chinesischen inneren Kunst zurückblicken.

Alles, was ich darin gefunden hatte, belebte mich, lies mich sehr kritisch sein, auch gegenüber meiner so langen wundervoll geübten Kunst, dem AIKI. Gerade auch was den tatsächlichen Moment des chaotischen Konfliktes einer körperlichen Auseinandersetzung anbelangte.

Aber ich war auch kritisch gegenüber dem WingTsun, fand manche direkte Ansätze immer wieder zu brutal, ist es der Sinn einer Kampfkunst den Aggressor mit Kettenfauststößen oder der geheimnisvollen Form der Biju Tze klar zu vernichten ? Vielleicht auch deswegen, weil das AIKI diese Form des energetischen dynamischen Schlagens nicht kannte, sondern eher kontrollierend ist ? Das trad. AIKI besitzt zwar eine intensive Form des Atemi Waza ( Schocktechniken ), aber die Intension dahinter ist eine Andere.

So blickte ich also mit Leidenschaft in diesen langen Jahren von einem Tellerrand des WingTsun zum anderen Tellerrand des AIKI, übte weiterhin meine geliebte japanische Tradition und Technik; und fühlte mich über Jahre hinweg durch die sich ständig neu ergebenden manigfaltigen Sektionen des Chi Sao, den klebenden Händen, vollends ausgelastet. Das Herz des WingTsun, das Chi Sao, ist einzigartig, dem ist definitiv nichts hinzuzufügen.

Diese wundervollen Gewürze der Erfahrung, diese körperliche Speisekarte, die ich „essen“durfte, machten mich nie satt, ich ass weiter und weiter. Die eigenen tiefen persönlichen Erfahrungswerte, die ich in diesen langen Jahren durch das Studium zweier innerer Kampfkünste mit so unterschiedlichen Lösungsansätzen spürend gewinnen durfte wurden immer tiefer.

Das AIKI und das WingTsun  haben auf Grund Ihres starken inneren Kerns und der darin verbundenen Ausprägung einer inneren Kampfkunst so viele auf den Punkt gebrachte Gemeinsamkeiten. Ich bin mir heute mehr als sicher, dass der Begründer des AIKI mit einer inneren Kampfkunst des chinesischen Kulturkreises während seines Aufenthaltes in der Mongolei in Berührung gekommen sein muss, denn z.B. das sich Trennen aus einem gegriffenen Handgelenk erinnert stark an den Fluss der BAGUA Palms ( Hände ) – und so vieles mehr… .

Und wahrlich, es gibt so viel weitere persönliche Erfahrungen und prägende Beispiele, die einen sehr großen AHA – Effekt meines gesamten Kampfkunstdenkens hervorruften.

Einer der größten Einschnitte für mich persönlich erfolgte in den letzten fünf bis sechs Jahren, als mein SiFu Prof.Dr.K.R.Kernspecht begann sein WingTsun selbst neu zu untersuchen, noch weiter zu entwickeln. Dies war und ist ein großer gigantischer wissenschaftlicher und forschender Ansatz.

Mein SiFu zeigte eine so unglaubliche Offenheit gegenüber ALLEN INNEREN KAMPFKÜNSTEN, begann alles zu hinterfragen, auf der ständige Suche nach Prinzipien u.v.m.. Es war und ist eine unglaubliche Leistung und wundervolle Energie meines SiFu´s sich nach allem Erreichten in der Kunst des WingTsun nochmals diesen Weg auf sich zu nehmen.

Leider trauen sich viele Kampfkunstgrößen diesen großen Forscherschritt nicht, denn es ist Ihnen nicht erlaubt, man will die Tradition wahren. Dies ist für mich, der selbst in einem sehr traditionellen Stil aufwuchs, auch mehr als verständlich und absolut nachvollziehbar.

Das alte traditionelle System darf nicht angetastet werden, nicht verändert werden. Betrachten wir die Entwicklung des Aiki, besonders die manigfaltigen Stile innerhalb des Weltverbandes Aikikai, gab es dennoch einige Sensei´s, die in gewisser Weise auch mit einer Art Weiterentwicklung begonnen hatten. Auch der Sohn des Begründer´s veränderte… .

Ob einige dieser neuen Aiki – Entwicklungen in der Funktion einer Form der Selbstverteidigung realistisch waren oder sind, ist ein ständig kritisiertes Moment und beliebtes Thema in der Kampfkunstwelt.

Generell möchte ich ganz klar darauf hinweisen, dass jeder in seiner Kunst etwas anderes sucht, eine Art der Selbstvervollkommnung oder einfach nur reine Selbstverteidigung. Doch immer sprechen wir über Kampfkunst, Martial Art, Budo etc., nicht über Kampfsport !

Ich begann dann vor einigen Jahren im Selbststudium mich mit den Künsten des Yiquan, Tai Chi und Bagua auseinanderzusetzen; ein weiterer Tellerrand war vorhanden und mein Horizont erweiterte sich immens.

Als ich dann in meiner knapp bemessenen Zeit, aber dennoch in regelmäßigen Abständen,  meinen SiFu zu einem gemeinsamen Training immer wieder spüren durfte, war ich fassungslos, ich war emotional so berührt, denn das, was hier geschah, war einzigartig.

Das uns heute vorliegende iWT, das SiFu aktuell unterrichtet ist unvergleichlich innerlich mental strukturiert, biomechanisch hochfunktional, es ist das Ergebnis jahrelanger intensiver Forschung im Sinne des chin. Chan / jap. Zen. Ich darf hinzufügen, dass wir uns im AIKI ständig im Zyklus des Wu Xing, der Fünf Elemente bewegen. Wir sprechen zwar über diese Symbolik im AIKI, doch können wir es auch funktional ( ! ) erklären ?

Dies ist mein eigener Erfahrungsprozess, den ich durch das Forschen meines SiFu´s letzten Endes dann auch bei meinem Training im AIKI in meinem Dojo erkannte. Wieder bestätigte sich meine Vermutung das der Begründer des AIKI definitv Kontakt mit inneren Künsten China´s gehabt haben muss. Mein Gedanke, mein Üben und das Fühlen hat sich seit diesen Studium des praktikablen biomechanischen aufmerksamkeitsorientierten Inneren immens verändert.

Ich bin sehr froh über den Teller zu schauen. Das werde ich mir, trotz vergangener Kritik von einigen meiner Kollegen aus der Kampfkunstwelt, nicht nehmen lassen. Wie sagte schon Immanuel Kant: Sapere Aude – Wage zu denken. Und diesen Ansatz sollte sich jeder ernsthaft trainierende Kampfkünstler, egal welchen Stiles auch immer, sehr zu Herzen nehmen.